Liebe Leserin, lieber Leser,

Peter, 56, über 20 Jahre Vertriebsleitung, zuletzt Prokurist bei einem Mittelständler. Peter kommt ins Coaching mit einer Zahl: 80. So viele Bewerbungen hat er in den letzten sechs Monaten über Jobportale verschickt. Eingeladen wurde er zu keinem einzigen Gespräch.

Er zweifelt nicht an seiner Qualifikation. Er zweifelt an sich.

„Vielleicht bin ich einfach zu alt geworden für den Markt.“

Das ist der Satz, den ich am häufigsten höre, wenn Klientinnen und Klienten Ü50 zu mir kommen. Und er ist verständlich. Aber er ist die falsche Schlussfolgerung aus einer richtigen Beobachtung.


Was die Zahlen wirklich sagen

Peter hat recht mit seiner Beobachtung. Er irrt sich nur beim Grund.

Eine Umfrage vom März 2025 zeigt: 45 Prozent der Befragten in Deutschland geben an, bereits wegen ihres Alters benachteiligt worden zu sein. Bezogen auf den Bewerbungsprozess sind es 28 Prozent – in der Altersgruppe der 50- bis 67-Jährigen steigt der Anteil auf 35 Prozent.

Noch bemerkenswerter: Jeder vierte Personalverantwortliche berichtet, unter internem Druck zu stehen, Ü50-Bewerbungen benachteiligen zu müssen. Das ist keine Einzelmeinung eines voreingenommenen Recruiters. Das ist ein strukturelles Problem, das durch Kostenlogik, Bewerbermanagement-Systeme und interne Vorgaben entsteht – lange bevor ein Mensch die Bewerbung überhaupt liest.

Und noch etwas fällt auf: Die Diskriminierung endet nicht mit der Einstellung. In mehr als der Hälfte der Fälle (57 Prozent) erleben berufstätige Ü50 Altersdiskriminierung durch die eigene, direkte Führungskraft – nicht durch anonyme Systeme, sondern im Alltag.

Peters 80 unbeantwortete Bewerbungen sind also kein Urteil über seine Leistung. Sie sind das Symptom eines Systems, das strukturell so sortiert.


Der Fehler liegt nicht in der Person – sondern in der Tür

Hier passiert bei den meisten Ü50-Klientinnen und -Klienten derselbe Denkfehler wie bei Peter: Sie nehmen die Ablehnung persönlich – und verdoppeln dann die Anstrengung an genau der Stelle, die am wenigsten funktioniert.

Mehr Bewerbungen über Jobportale. Mehr Anpassung des Lebenslaufs. Mehr Versuche, sich jünger, flexibler, digitaler zu präsentieren, als sie sind.

Das Problem: Der offene Arbeitsmarkt – Stellenportale, Standardbewerbung, automatisierte Vorauswahl – ist genau der Ort, an dem Alter am stärksten als Kostenfaktor gefiltert wird. Wer dort anklopft, klopft an der Tür, die für Ü50 strukturell am engsten ist.

Es gibt aber eine zweite Tür.


Die andere Tür: der verdeckte Arbeitsmarkt

70 bis 80 Prozent der Top-Positionen werden nie öffentlich ausgeschrieben – das hatte ich in einer früheren Ausgabe bereits thematisiert. Sie werden über Netzwerke, Empfehlungen und gezielte Ansprache besetzt.

Und genau hier kippt die Rechnung: Im offenen, automatisierten Markt ist Erfahrung ein Kostenfaktor. Im verdeckten Markt, wo ein Mensch mit einem konkreten Problem nach einer konkreten Lösung sucht, ist Erfahrung ein Premium-Asset.

Unternehmen, die eine komplexe Restrukturierung, eine Nachfolge oder eine Krise zu bewältigen haben, suchen nicht den günstigsten, sondern den erfahrensten Kopf. Nur finden sie diesen Kopf nicht über eine Stellenanzeige – sie finden ihn über Empfehlung, Reputation und Sichtbarkeit im richtigen Netzwerk.

Das ist der Kern dessen, was ich mit Klientinnen und Klienten in dieser Situation erarbeite: Inverses Headhunting. Statt sich auf offene Stellen zu bewerben, wird sichtbar und gezielt positioniert – mit einem klaren Executive-Profil, das nicht sagt „Ich suche etwas“, sondern „Dieses Problem kann ich lösen“. Nicht der Bewerber sucht die Firma. Die Firma erkennt den Bewerber als Lösung.

Peters Strategie hat sich dadurch komplett gedreht: weg von 80 Bewerbungen ins Leere, hin zu einem gezielten One-Pager und drei Gesprächen mit Menschen, die sein Problemlösungsprofil tatsächlich brauchten. Innerhalb von acht Wochen hatte er zwei ernsthafte Optionen – beide, ohne sich ein einziges Mal online beworben zu haben.


Was das nicht bedeutet

Das bedeutet nicht, dass Altersdiskriminierung dadurch verschwindet oder in Ordnung ist. Sie ist real, sie ist strukturell, und sie gehört politisch und gesellschaftlich adressiert.

Es bedeutet nur: Solange dieses System besteht, ist es klüger, die eigene Energie in die Tür zu stecken, die für Erfahrung offensteht – statt sich an der Tür aufzureiben, die für Erfahrung strukturell geschlossen ist.


Reflexionsfrage

Klopfst du gerade an der Tür, die zählt, was du kostest – oder an der Tür, die braucht, was du kannst? Und wüsstest du, wie die zweite Tür für dich aussieht?


UTURN-Impuls

Erfahrung ist kein Verfallsdatum. Sie ist ein Vermögen – aber nur an der richtigen Adresse.

Wer über 50 auf dem Arbeitsmarkt unsichtbar wird, hat meistens nicht zu wenig zu bieten. Er sucht nur noch an der Stelle, die ihn am wenigsten sieht.

Wer seinen inneren Kompass kennt, weiß auch, an welcher Tür er wirklich gesucht wird.


Wenn du selbst in Peters Situation steckst – oder ahnst, dass deine Bewerbungen an der falschen Tür landen: Lass uns in einem unverbindlichen Erstgespräch schauen, wie deine zweite Tür aussieht. Termin vereinbaren


Herzliche Grüße

Christina Georgsson

UTURN Die Zukunft gehört Menschen mit innerem Kompass.


Statistische Angaben: Umfrage zur Altersdiskriminierung in Deutschland, März 2025 (Statista); „Altersdiskriminierung: Jeder vierte Personaler muss Ü50-Bewerber benachteiligen“, WirtschaftsWoche; „Altersdiskriminierung: Viele Ü50 fühlen sich im Job benachteiligt“, t-online.