Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal kommt ein Coaching-Fall, der so viel auf den Punkt bringt, dass ich ihn – anonymisiert – teilen möchte.

Sabine, 47, Bereichsleitung, ambitioniert, hochqualifiziert.

Sabine kommt ins Coaching, weil sie mehr will. Mehr Sinn. Mehr Führung. Mehr Gehalt. Mehr Gestaltungsspielraum.

Und sie weiß auch schon, wie das gehen könnte. Ein Wechsel in die Geschäftsleitung. Oder in ein Start-up. Oder in die Selbstständigkeit.

Alles ist in Bewegung – aber Sabine nicht. Denn Sabine will zwar los, aber nichts loslassen.

„Ich will was Neues – aber bitte mit der gleichen Sicherheit wie jetzt.“ „Ich will mehr Raum für mich – aber meine 40-Stunden-Woche muss trotzdem weitergehen.“ „Ich will endlich gesehen werden – aber bitte ohne großes Tamtam.“

Sabine ist nicht naiv. Sie ist brilliant. Aber sie steckt in einer Dauerschleife: Veränderungswunsch gegen Besitzstandswahrung. Und damit ist sie nicht allein.


Warum Veränderung so schwer fällt – drei Mechanismen

Das ist keine Charakterfrage. Das ist Neuropsychologie.

Unser Gehirn ist nicht auf Wachstum optimiert. Es ist auf Überleben optimiert. Und das bedeutet: Bekanntes schützen, Unbekanntes meiden, Risiko minimieren.

Drei Mechanismen machen echte Veränderungen besonders schwer – und alle drei lassen sich bei Sabine wiederfinden.


Verlustaversion – das Gewicht des Habens

Der Verhaltensökonom Daniel Kahneman und sein Forschungspartner Amos Tversky haben in ihrer Prospect Theory gezeigt, dass Verluste psychologisch etwa doppelt so stark wiegen wie gleich große Gewinne.

Das bedeutet: Der Schmerz, etwas zu verlieren, ist stärker als die Freude, etwas Gleichwertiges zu gewinnen. Wir hängen an dem, was wir haben – selbst wenn es uns nicht mehr gut tut.

Eng verwandt damit ist der sogenannte Endowment Effect: Der bloße Besitz von etwas erhöht seinen subjektiven Wert. Was wir haben, schätzen wir mehr als das, was wir bekommen könnten – nur weil wir es haben.

Für Sabine bedeutet das: Sie bleibt in einem Job, der sie auslaugt, weil sie Sicherheit, Renommee und Team-Bindung nicht verlieren will. Selbst wenn sie weiß, dass es woanders besser wäre. Die bloße Vorstellung des Verlusts überwiegt das theoretische Bild des Gewinns.

Das ist keine Schwäche. Es ist Biologie.


Confirmation Bias – wir suchen, was uns recht gibt

Unser Gehirn verarbeitet täglich enorme Mengen an Information. Um Überforderung zu vermeiden, entwickelt es Abkürzungen: Es bewertet neue Informationen bevorzugt danach, ob sie zu dem passen, was es bereits glaubt.

Dieser Mechanismus heißt Confirmation Bias – auf Deutsch: Bestätigungsfehler.

Wer sich sagt: „Ich bin zu alt für einen Branchenwechsel“, findet genau die Artikel, Erfahrungsberichte und Gespräche, die diesen Gedanken bestätigen. Die Gegenbeispiele verschwinden im Rauschen.

Für Sabine läuft das so: Sie sucht nicht nach Beweisen dafür, dass ein Wechsel möglich wäre. Sie sucht – unbewusst – nach Beweisen dafür, dass er zu riskant ist. Und sie findet sie. Immer.

Das Tückische: Die Suche fühlt sich objektiv an. Es fühlt sich an wie Realismus. Wie Vorsicht. Wie Verantwortung.

In Wirklichkeit ist es Selbstschutz, der sich als Vernunft verkleidet.


Self-Consistency Bias – wir wollen konsistent bleiben

Der dritte Mechanismus ist vielleicht der subtilste.

Der Psychologe Leon Festinger beschrieb in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz, wie unangenehm es für uns ist, wenn unsere Handlungen nicht mit unseren Selbstbildern übereinstimmen. Wir neigen dazu, beides wieder in Einklang zu bringen – und zwar meist dadurch, dass wir unser Verhalten rechtfertigen, nicht ändern.

Sabine war immer die, die durchzieht. Die, auf die man sich verlassen kann. Die, die Verantwortung trägt.

„Wenn ich jetzt aussteige, wirkt das wie Scheitern.“

Diesen Satz habe ich so oder ähnlich schon hundert Mal gehört. Er hat nichts mit der äußeren Realität zu tun. Er hat alles damit zu tun, wie Sabine ihre Biografie bis hierhin erzählt hat – und wie sie diese Geschichte nicht unterbrechen will.

Was sie nicht sieht: Ein bewusster Schritt heraus ist kein Bruch der Geschichte. Es ist ihr nächstes Kapitel.


Was eine Lücke wirklich ist

Im Mittelpunkt des Titels steht ein unscheinbares Wort: Lücke.

Es klingt nach Fehler. Nach Leerstelle. Nach etwas, das geschlossen werden müsste.

Der Kulturanthropologe Victor Turner hat für diesen Zustand einen anderen Begriff gefunden: Liminalität. Abgeleitet vom lateinischen limen – die Schwelle.

Liminalität beschreibt den Zustand des Dazwischen. Du bist nicht mehr das, was du warst. Aber noch nicht das, was du werden wirst. Du stehst auf der Schwelle.

Turner beobachtete diesen Zustand in Übergangsritualen vieler Kulturen: In Initiationsriten verlässt der Einzelne seine bisherige Identität – und tritt in eine Phase ein, die bewusst unstrukturiert und offen gehalten wird, bevor er mit einer neuen Identität in die Gemeinschaft zurückkehrt.

Diese Phase ist nicht zufällig unstrukturiert. Sie ist es absichtlich. Weil neue Identität nur entstehen kann, wenn die alte nicht mehr vollständig schützend wirkt.

Übertragen auf berufliche Übergänge: Die Lücke ist kein Fehler im Lebenslauf. Sie ist die Schwelle. Der Raum, in dem sich entscheidet, wer du als nächstes sein wirst.

Sie lässt sich nicht abkürzen. Wer versucht, sofort in eine neue Stelle zu springen, ohne diese Schwelle wirklich zu passieren, bringt das alte Muster mit. Und wundert sich, warum sich das Neue so wenig neu anfühlt.


Die Tür und die vollen Arme

Es gibt ein Bild, das ich in Beratungsgesprächen immer wieder verwende:

Du stehst vor einer Tür. Die Tür geht auf – in etwas Neues, Mögliches, Passendes. Du siehst es. Du willst hindurch.

Aber du stehst mit vollen Armen davor.

Beide Arme voll mit dem, was du nicht hergeben willst. Mit der Sicherheit, die du kennst. Mit dem Titel, der dich definiert. Mit der Rolle, immer die Starke zu sein. Mit dem Bild, das andere von dir haben.

Und du fragst dich, warum du nicht durch die Tür kommst.

Was du loslassen musst, ist nicht immer das Offensichtliche. Es ist manchmal die Überzeugung, dass du das alles gebraucht hast – und es daher für immer brauchst. Es ist das Bild von dir selbst, das du in diesem Kontext entwickelt hast. Es ist der Satz: „Ich bin die Person, die so etwas nicht macht.“


Was Loslassen nicht bedeutet

Loslassen ist ein missverstandenes Wort.

Es klingt nach Aufgeben. Nach Verleugnen. Nach Wegwerfen dessen, was man aufgebaut hat.

Das ist nicht gemeint.

Loslassen bedeutet nicht, das Vergangene zu entwerten. Es bedeutet, die Bindung daran zu verändern. Nicht mehr aus dem Besitz einer alten Rolle zu agieren – sondern frei zu wählen, was man davon mitnimmt in das Nächste.

Psychologisch ist dieser Unterschied entscheidend: Wer das Alte abbricht, verliert den roten Faden der eigenen Geschichte. Wer es würdigt und bewusst loslässt, trägt das Beste davon in das Neue – ohne vom Rest festgehalten zu werden.

Sabine muss nicht aufhören, ambitioniert zu sein. Sie muss aufhören, Ambition an eine bestimmte Form von Sicherheit zu knüpfen.

Das ist der Unterschied.


Was das Festhalten kostet

Es ist leicht zu berechnen, was ein Wechsel kostet: Zeit, Unsicherheit, möglicherweise ein Jahr Einkommensunterbrechung.

Es ist schwerer zu berechnen, was das Bleiben kostet.

Energie, die täglich in Kompensation fließt. Kreativität, die keinen Ausweg findet. Selbstwert, der langsam erodiert in einem Kontext, der nicht mehr passt. Die nagende Frage, die immer lauter wird: Wäre ich woanders mehr?

Verlustaversion lässt uns die Kosten des Wechsels klar sehen. Die Kosten des Bleibens bleiben unsichtbar – weil sie sich langsam akkumulieren, nicht plötzlich eintreten.

Das bedeutet nicht, dass jeder Wechsel richtig ist. Aber es bedeutet: Die Kalkulation ist nur dann ehrlich, wenn beide Seiten auf dem Tisch liegen.


Was Veränderung wirklich braucht

Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht fertig sein. Du musst nicht sicher sein, dass es funktioniert.

Du musst nur bereit sein, eine Lücke zuzulassen – in der Neues entstehen kann.

Wachstum braucht Mut. Nicht Perfektion.

Und manchmal ist der mutigste Satz nicht: „Ich starte jetzt.“ Sondern: „Ich lasse los.“


Reflexionsfrage

Was trägst du gerade mit vollen Armen vor einer Tür, die aufgeht? Und welches davon ist wirklich deins – und welches hast du nur mitgenommen, weil es bisher immer dazugehört hat?


UTURN-Impuls

Der größte Saboteur des Neuanfangs ist oft das Durchhaltevermögen.

Nicht weil Ausdauer falsch ist. Sondern weil wir manchmal am falschen Ort ausdauern – und es Stärke nennen.

Wer wirklich aufbrechen will, muss zuerst innehalten und fragen: Was darf bleiben? Und was darf gehen?

Denn wer seinen inneren Kompass versteht, findet nicht irgendeinen Weg. Sondern seinen.

Herzliche Grüße

Christina Georgsson

UTURN Die Zukunft gehört Menschen mit innerem Kompass.