Liebe Leserin, lieber Leser,

Markus, 54, Vertriebsvorstand, kommt ins Coaching mit einer sehr klaren Ansage: „Ich will einen kompletten Neuanfang. Raus aus dem Konzern, raus aus der Branche, raus aus allem, was mich bisher definiert hat.“

Er meint es ernst. Er hat innerlich gekündigt, spricht über eine eigene Firma, ein ganz anderes Feld, ein neues Leben. Nichts vom Alten soll übrig bleiben.

Drei Monate später sitzt er nach einigen Sitzungen wieder vor mir – mit einem Businessplan für sein „neues“ Unternehmen. Klare Hierarchie. Ein Titel, der nach außen wirkt. Kennzahlen, an denen er sich misst wie früher der Umsatz. Derselbe Takt, dieselbe Selbstdefinition über Leistung und Status – nur mit einem anderen Türschild davor.

Markus wollte abreißen. Gebaut hat er dasselbe Haus noch einmal.


„Auch die, die unbedingt Neues wollen, halten oft an alten Ideen fest“

Diesen Satz habe ich kürzlich in einem Interview gelesen, das mich nicht mehr losgelassen hat. Kristina Sassenscheidt, Geschäftsführerin des Hamburger Denkmalvereins, spricht darin über den Umgang mit historischen Gebäuden – und trifft damit etwas, das ich in Coachings ständig erlebe.

Ihr Punkt: Wir gehen automatisch davon aus, dass Festhalten das Problem der Veränderungsunwilligen ist. Aber genauso oft klammern sich die vermeintlichen Modernisierer an ein altes Bild – nur ohne es zu merken, weil es als Fortschritt verkleidet daherkommt.

Markus dachte, er würde loslassen. Tatsächlich hat er nur die Fassade ausgetauscht und die tragenden Wände seines alten Selbstbilds unangetastet gelassen.


Abriss oder Umbau – zwei Wege der Veränderung

Sassenscheidt beschreibt im Interview, wie in der Stadtentwicklung mit historischer Bausubstanz umgegangen wird. Zwei Wege stehen sich gegenüber.

Der eine: Abriss. Schnell, radikal, scheinbar sauber. Weg mit dem Alten, Platz für etwas Neues.

Der andere: Aufstocken, umbauen, erweitern. Der Bestand bleibt als Fundament erhalten – aber er wird weiterentwickelt, ergänzt, in einen neuen Kontext gestellt. Sassenscheidt nennt das einen „interessanten Dialog“ zwischen Alt und Neu.

Der Wiener Architekt Adolf Loos hat dazu einen Satz geprägt, den Sassenscheidt zitiert: „Eine Veränderung, die keine Verbesserung ist, ist eine Verschlechterung.“

Übertragen auf berufliche Übergänge: Ein Abriss der eigenen Biografie – Kündigung, Neustart, alles anders machen – fühlt sich nach Veränderung an. Ist es aber nur dann, wenn dabei auch wirklich etwas anderes entsteht. Wer nur die Fassade tauscht und dieselbe innere Statik beibehält, hat sich nicht verändert. Er/sie ist nur umgezogen.


Die Köhlbrandbrücke deiner Karriere

Im Interview erzählt Sassenscheidt von der Köhlbrandbrücke, einem Wahrzeichen im Hamburger Hafen. Sie ist baufällig, soll durch einen Neubau ersetzt werden. Der Denkmalverein wollte zumindest prüfen lassen, unter welchen Bedingungen ein Erhalt möglich gewesen wäre. Über 25.000 Menschen unterschrieben die Petition dafür. Der Senat hat trotzdem ohne weitere Prüfung den Abriss beschlossen – aus der Annahme heraus, der Hafen müsse für immer ein wachsender Welthafen bleiben.

Sassenscheidts Kommentar dazu: „Diejenigen, die keine Veränderung wollen, sitzen eigentlich im Senat.“ Die Pointe: Ausgerechnet die Seite, die sich als Modernisierer versteht, hängt am unbeweglichsten Bild von allen fest.

Bei Markus war es die Annahme, Erfolg müsse sich an Titel, Kennzahlen und sichtbarer Position zeigen. Diese Annahme hat er nicht infrage gestellt – er hat ihr nur eine neue Adresse gegeben.

Die Frage ist also nicht nur: Was will ich loslassen? Sondern auch: Welches alte Bild trage ich unbemerkt in jede „neue“ Version meiner Zukunft hinein? Welche Elemente möchte ich bewusst mitnehmen, welche nicht.


Was Integration bedeutet

Nicht jedes Bauteil eines Gebäudes ist erhaltenswert. Manches ist tatsächlich baufällig und trägt kein Gewicht mehr – das darf weg.

Aber ein Gebäude komplett abzureißen, nur weil ein Teil davon marode ist, heißt, auch das mitzuverlieren, was trägt: das Fundament, die tragenden Wände, das, was über Jahre gewachsen ist und Substanz hat.

Für die eigene berufliche Biografie heißt das: Nicht jede Routine, jede Erwartung, jede alte Selbstdefinition muss stehen bleiben. Was dich ausgelaugt hat, was nicht mehr zu dir passt, darf abgetragen werden.

Aber die Erfahrung, das Netzwerk, die Werte, die dich wirklich tragen – das ist der denkmalgeschützte Kern. Der gehört nicht abgerissen. Der gehört integriert in das, was als Nächstes entsteht.

Sassenscheidt sagt über den Umgang mit historischer Substanz: Man kann aufstocken, umbauen, erweitern – „dann können sich interessante Dialoge ergeben.“ Genau das ist die Aufgabe im beruflichen Übergang. Nicht Abriss. Sondern Dialog zwischen dem, was war, und dem, was wird.


Reflexionsfrage

Was in deiner beruflichen Biografie ist tragende Wand – etwas, das dich wirklich trägt und erhalten werden sollte? Und welches alte Bild von Erfolg schleppst du unbemerkt in jede Version deiner Zukunft mit, obwohl du dachtest, du hättest es längst hinter dir gelassen?


UTURN-Impuls

„Change by Design, not by Disaster“ – dieser Satz gilt nicht nur für Städte. Er gilt für Lebensläufe.

Design heißt: hinschauen, bevor man abreißt. Unterscheiden zwischen dem, was baufällig ist, und dem, was trägt. Und dann bewusst gestalten, statt aus Ungeduld oder Erschöpfung alles einzureißen, was jahrelang gewachsen ist.

Wer seinen inneren Kompass kennt, weiß, was in seiner Biografie denkmalwürdig ist – und was losgelassen werden darf.

Herzliche Grüße

Christina Georgsson

UTURN Die Zukunft gehört Menschen mit innerem Kompass.



Diese Ausgabe wurde inspiriert durch das Interview „Eine Veränderung, die keine Verbesserung ist, ist eine Verschlechterung“ mit Kristina Sassenscheidt, Geschäftsführerin des Hamburger Denkmalvereins, geführt von Sara Mously, erschienen im Harvard Business manager 8/2026 (manager magazin).