Liebe Leserin, lieber Leser,
seit über zehn Jahren bin ich in der Karriereberatung tätig. Und ich habe in dieser Zeit einen Unterschied beobachtet, der mich bis heute beschäftigt.
Frauen in beruflichen Umbruchphasen merken es selten plötzlich. Es schleicht sich ein. Der Job funktioniert nach außen. Aber innerlich kostet er Schlaf, Kraft, Sinn.
Man hält durch. Weil man Verantwortung trägt. Weil man nicht überreagieren will. Weil man sich sagt: Es geht ja noch.
Genau hier wird es gefährlich.
Der Preis des Durchhaltens
Berufliche Unklarheit löst sich nicht von selbst. Sie wird leiser – und teurer.
Teurer für die Gesundheit. Für den Selbstwert. Für die eigene Gestaltungsfreiheit.
Es beginnt oft mit Schlafproblemen. Dann mit einer Erschöpfung, die sich nach dem Wochenende nicht mehr erholt. Dann mit Fehlern, die früher nie passiert wären. Einer inneren Leere, die sich von normaler Müdigkeit unterscheidet.
Erschöpfung sagt: Ich brauche eine Pause. Innere Leere sagt: Ich bin am falschen Platz.
Dieser Unterschied ist wichtig. Denn eine Auszeit hilft nur gegen das erste. Das zweite braucht eine andere Antwort.
Was hinter dem Ausharren steckt
Ich begleite eine Klientin, die ich hier Katrin nennen möchte. Mitte 40, fachlich kompetent, Führungskraft mit langjähriger Erfahrung. Nach außen funktioniert sie noch. Nachts schläft sie schlecht. Tagsüber macht sie Fehler, die ihr früher nie passiert wären.
Katrin hat vieles versucht: Bewerbungen geschrieben, Kontakte aktiviert, ihr Profil überarbeitet, mit KI an ihren Unterlagen gearbeitet.
Und trotzdem kommt sie nicht weiter.
Nicht, weil sie unfähig ist. Sondern weil sie eine zentrale Frage vermeidet: Gehe ich – oder bleibe ich?
Solange diese Entscheidung ungeklärt ist, können Bewerbungen, Positionierung oder Neuorientierung nicht greifen. Man bewegt sich in alle Richtungen gleichzeitig – und kommt trotzdem nicht vom Fleck.
Warum diese Entscheidung so schwer ist
Die Entscheidung zwischen Gehen und Bleiben fühlt sich groß an. Zu groß, um sie vorschnell zu treffen. Und so wird sie aufgeschoben.
Das Problem dabei: Nicht-Entscheiden ist auch eine Entscheidung. Nur ohne Richtung.
Wer nicht entscheidet, bleibt. Aber anders als jemand, der bewusst bleibt. Der bewusste Bleiber gestaltet. Der unentschlossene Bleiber verwaltet – sich selbst und seine Energie.
Hinzu kommt ein psychologisches Muster, das Forschende als Status-quo-Bias beschreiben: Wir neigen dazu, den aktuellen Zustand zu bevorzugen – selbst wenn er uns schadet –, weil Veränderung Risiko bedeutet und Risiko Angst auslöst. Das ist keine Schwäche. Es ist eine menschliche Reaktion auf Unsicherheit.
Trotzdem hat sie einen Preis. Und der wird mit der Zeit höher.
Was die Entscheidung so schwer macht – und was sie erleichtert
In meiner Arbeit mit Menschen in Übergangsphasen begegnen mir immer wieder dieselben Muster, die die Entscheidung blockieren:
Fehlende Klarheit über das Ziel. Wer nicht weiß, wohin er will, kann nicht entscheiden, ob die aktuelle Situation ihn dorthin bringt oder nicht.
Blinde Flecken. Wir sehen nicht, was wir nicht sehen. Das eigene Denken dreht sich im Kreis, weil es nur die Wege kennt, die es schon gegangen ist.
Angst vor dem Urteil anderer. Besonders in Lebensphasen, in denen man für andere mitverantwortlich ist, fühlt sich Veränderung wie Egoismus an.
Die Hoffnung, dass es sich von selbst löst. Manchmal hilft eine Pause. Manchmal ein Gespräch. Aber wenn das Unbehagen strukturell ist – wenn es am Rahmen liegt, nicht am Moment – dann löst sich nichts von selbst.
Was die Entscheidung erleichtert, ist nicht mehr Nachdenken. Es ist ein anderer Rahmen: externe Perspektive, klare Fragen, ein Gegenüber, das nicht Teil des Systems ist.
Drei Fragen, die helfen, klarer zu sehen
Wenn du gerade an diesem Punkt stehst, können diese Fragen einen ersten Unterschied machen:
1. Was kostet mich das Bleiben wirklich? Nicht abstrakt. Konkret: Schlaf? Energie? Selbstwert? Zeit? Gesundheit?
2. Was halte ich mich mit dem Bleiben zurück? Wovor schütze ich mich, wenn ich nicht entscheide? Und ist dieser Schutz noch gerechtfertigt?
3. Wenn ich in drei Jahren auf heute zurückschaue: Was hätte ich mir gewünscht, jetzt entschieden zu haben?
Diese Fragen liefern keine fertigen Antworten. Aber sie verschieben den Blickwinkel – weg vom „Was ist sicher?“ hin zu „Was ist richtig?“
Reflexionsfrage
Wenn du ehrlich hinschaust: Hält dich gerade Überzeugung – oder Gewohnheit? Und was würdest du entscheiden, wenn du wüsstest, dass beides gleich riskant ist: Gehen und Bleiben?
UTURN-Impuls
Der Körper weiß oft früher als der Kopf, dass etwas nicht mehr stimmt.
Wenn du nachts nicht schläfst, tagsüber leer bist und trotzdem weitermachst – dann ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Signal.
Nicht-Entscheiden hat einen Preis. Und er wird mit der Zeit höher.
Denn wer seinen inneren Kompass versteht, findet nicht irgendeinen Weg. Sondern seinen.
Herzliche Grüße
Christina Georgsson
UTURN Die Zukunft gehört Menschen mit innerem Kompass.


