Ausgabe #8: Sichtbar werden – oder besser nicht?

Ausgabe #8: Sichtbar werden – oder besser nicht?

Viele Frauen leisten Großes – aber zeigen es nicht. Was das Impostor-Syndrom, der Prove-it-again-Bias und der Unterschied zwischen Mentoring und Sponsoring damit zu tun haben.

Liebe Leserin, lieber Leser,

kennst du diesen Gedanken?

„Ach, ich will gar nicht so im Mittelpunkt stehen.“ „Die Lauten sollen mal machen – ich arbeite lieber im Hintergrund.“ „Ich will nicht auffallen, sonst denken die noch, ich bin überheblich.“

Diese Sätze klingen harmlos. Fast sympathisch bescheiden. Aber sie haben eine sehr konkrete Wirkung: Sie halten dich klein. Und das oft systematisch, über Jahre.


Woher diese Stimme kommt

Viele Frauen – besonders der Generation 45+ – sind mit Botschaften aufgewachsen, die Bescheidenheit zur Tugend und Sichtbarkeit zur Gefahr erklärten:

„Sei nicht so fordernd.“ „Reiß dich zusammen.“ „Frauen, die zu viel wollen, gelten als schwierig.“

Das sind keine abstrakten Floskeln. Es sind Prägungen, die sich als neuronale Muster ins System einschreiben. Und die beim ersten Gedanken an Sichtbarkeit – einen LinkedIn-Post, eine Wortmeldung im Meeting, eine Gehaltsverhandlung – als innere Bremse aktiv werden.

Dazu kommt: Gerade Frauen mit viel Erfahrung werden von einem Mechanismus begleitet, den die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes bereits 1978 beschrieben haben: dem Impostor-Syndrom.

Die Kernannahme dahinter lautet: „Eigentlich bin ich nicht so gut, wie andere denken. Irgendwann wird man mich durchschauen.“

Das Impostor-Syndrom tritt unabhängig von tatsächlicher Qualifikation auf. Es ist kein Zeichen mangelnder Kompetenz – es ist ein Zeichen dafür, dass jemand gelernt hat, Kompetenz kleinzuhalten. Und es ist bei Frauen in qualifizierten Positionen besonders verbreitet.


Der „Prove it again“-Effekt

Sozialpsychologische Forschung zeigt, dass Frauen in Beruf und Karriere häufig denselben Effekt erleben: Sie müssen sich immer wieder neu beweisen, obwohl sie dieselbe Leistung erbracht haben wie männliche Kollegen.

Dieser Mechanismus – bekannt als „Prove it again“-Bias – entsteht, wenn Kompetenz als Ausnahme eingestuft wird, nicht als Standard. Die Folge: Frauen investieren mehr Energie in das Beweisen und weniger in das Sichtbarmachen. Sie arbeiten härter – aber zeigen es seltener. Und hoffen, dass die Leistung schon bemerkt wird.

Wird sie meistens nicht.

Nicht weil niemand hinschaut. Sondern weil in komplexen Organisationen dasjenige wahrgenommen wird, was sich aktiv zeigt – nicht das, was still im Hintergrund entsteht.


Die Likeability-Falle

Hier liegt ein echter Widerspruch, der ehrlich benannt werden muss.

Die Managementforscherin Madeline Heilman hat gezeigt, dass Selbstdarstellung für Frauen in vielen Kontexten doppelt bestraft wird: Wer sich nicht zeigt, wird übersehen. Wer sich zeigt, riskiert, als „zu fordernd“ oder „nicht sympathisch genug“ wahrgenommen zu werden.

Dieses Dilemma – Sichtbarkeit oder Sympathie – ist real. Und es ist ungerecht.

Die Reaktion darauf sollte jedoch nicht Rückzug sein. Sie sollte Strategie sein.

Denn es gibt einen Unterschied zwischen Sichtbarkeit als Selbstdarstellung und Sichtbarkeit als Haltung. Der erste Typ erzeugt genau die Reaktion, die viele fürchten. Der zweite öffnet Türen – durch Substanz, nicht durch Lautstärke.


Was Sichtbarkeit wirklich bedeutet

Sichtbarkeit ist nicht: Laut sein um jeden Preis. Nicht: sich in den Vordergrund drängen. Nicht: Selbstlob auf Social Media.

Sichtbarkeit bedeutet:

Klar kommunizieren, wofür du stehst. Deine Kompetenzen in Worte fassen können, bevor dich jemand fragt. Beziehungen aufbauen, bevor du sie brauchst. Position beziehen – auch wenn du dabei nicht alle mitnimmst.

Kurz: Sichtbarkeit bedeutet, dass andere wissen, wer du bist, was du kannst und was dich antreibt. Nicht weil du es ihnen gesagt hast, sondern weil du dich gezeigt hast.


Die drei Formen von Sichtbarkeit – und wo du stehst

Es hilft, Sichtbarkeit zu differenzieren. Denn je nach Zielsetzung – ob internen Aufstieg, Karrierewechsel oder Neuorientierung – sind unterschiedliche Formen relevant.

Interne Sichtbarkeit bedeutet: Du bist innerhalb deiner Organisation als Person mit Kompetenz und Haltung bekannt. Nicht nur in deinem direkten Team, sondern auch auf Ebenen, die Entscheidungen treffen. Das passiert durch Mitdenken in übergreifenden Themen, durch sichtbare Beiträge in Meetings und durch gezieltes Gespräch mit Führungspersönlichkeiten.

Externe Sichtbarkeit bedeutet: Du bist außerhalb deiner Organisation erkennbar. Auf LinkedIn, in Fachkreisen, durch Texte, Gespräche oder Auftritte. Das ist besonders relevant, wenn du einen Wechsel planst – denn ein Außenprofil entscheidet oft mit, wer zu einem Gespräch eingeladen wird.

Relationale Sichtbarkeit bedeutet: Du bist den richtigen Menschen für das Richtige bekannt. Das ist die subtilste und gleichzeitig wirkungsvollste Form. Sie entsteht durch gezielte Beziehungspflege – nicht Networking im oberflächlichen Sinne, sondern echtes Interesse an anderen Menschen und das Teilen von Wissen.

Alle drei Formen sind relevant. Welche Priorität hat, hängt von deinem konkreten Ziel ab.


Warum Sichtbarkeit in Umbruchzeiten ein Schutzfaktor ist

In einer Arbeitswelt, die sich schnell verändert, gibt es eine strukturelle Wahrheit, die viele unterschätzen:

Stellen werden in Umstrukturierungen nicht nur nach Qualifikation entschieden. Sie werden nach Sichtbarkeit entschieden.

Wer im entscheidenden Moment nicht im Kopf einer Führungskraft präsent ist – als Person, die etwas kann, die mitdenkt, die eine Haltung hat –, wird bei Entscheidungen über neue Projekte, neue Rollen, neue Verantwortungen nicht mitgedacht.

Das ist kein Vorwurf. Es ist Organisationsrealität.

Und sie erklärt, warum Unsichtbarkeit nicht nur Anerkennung kostet. Sie kostet Gestaltungsspielraum, wirtschaftliche Sicherheit und berufliche Zukunft.

Wer sichtbar ist, wird bei Veränderungen gefragt – nicht entschieden.


Mentoring hilft. Sponsoring verändert.

Die Managementforscherin Herminia Ibarra hat einen wichtigen Unterschied herausgearbeitet, der in der Diskussion um Frauen und Karriere zu wenig beachtet wird.

Mentoring – das Gespräch mit jemandem, der Ratschläge gibt und Erfahrungen teilt – ist wertvoll. Aber es verändert die Karrieresituation oft wenig.

Was wirklich verändert, ist Sponsoring: eine Führungspersönlichkeit, die aktiv für dich spricht, wenn du nicht im Raum bist. Die dich für Projekte und Rollen empfiehlt. Die deine Sichtbarkeit in Kreisen erhöht, zu denen du selbst noch keinen Zugang hast.

Ibarra zeigt in ihrer Forschung, dass Männer statistisch häufiger Sponsoren haben als Frauen – und dass dieser Unterschied einer der zentralen Faktoren für unterschiedliche Karriereverläufe ist.

Was das für Sichtbarkeit bedeutet: Du brauchst nicht nur Anerkennung von oben. Du brauchst Menschen, die dich weiterempfehlen, wenn du nicht im Raum bist. Und das geschieht nur, wenn du ihnen Material gibst – durch deine Haltung, deine Sichtbarkeit, dein Denken.


Was du verlierst, wenn du dich kleinmachst

Die Kosten der Unsichtbarkeit sind real – und werden oft nicht eingerechnet.

Sichtbarer Verlust: Die Chance, die an jemand anderen vergeben wurde. Das Projekt, das dir nicht angeboten wurde. Die Gehaltserhöhung, die nie angesprochen wurde.

Unsichtbarer Verlust: Das Selbstvertrauen, das langsam erodiert, weil du dich nie wirklich gezeigt hast. Der Respekt, den du dir selbst verweigerst. Die Inspiration, die du anderen Frauen nimmst, die jemanden brauchen, dem sie nacheifern können.

Sichtbarkeit ist kein Ego-Projekt. Sie ist Verantwortung.


Wie du anfängst – ohne dich zu verbiegen

Der häufigste Einwand: „Das bin nicht ich. Ich bin nicht der Typ, der sich in den Vordergrund stellt.“

Stimmt vielleicht. Aber darum geht es nicht.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Sichtbarkeit, die aus Authentizität entsteht, und Sichtbarkeit, die Performance ist. Die erste ist tragfähig. Die zweite erschöpft.

Sichtbarkeit, die zu dir passt, beginnt nicht damit, dass du lauter wirst. Sie beginnt damit, dass du anfängst, das zu sagen, was du ohnehin denkst – an Orten und in Formaten, die dir entsprechen.

Ein Kommentar zu einem Thema, das dich bewegt. Ein LinkedIn-Post über eine Erfahrung, die für andere relevant sein könnte. Ein Gespräch, in dem du nicht nur nickt, sondern Position beziehst.

Sichtbarkeit ist trainierbar. Sie ist keine Persönlichkeitseigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie ist eine Praxis.


Reflexionsfrage

Wenn du für einen Moment die Angst vor dem Urteil anderer beiseite legst: Wofür willst du stehen? Was möchtest du, dass andere wissen, wenn dein Name fällt?


UTURN-Impuls

Wer sich klein hält, wird selten groß gesehen.

Das klingt hart. Es ist keine Kritik. Es ist eine Einladung.

Deine Kompetenz, deine Erfahrung, deine Haltung – sie sind vorhanden. Aber sie entfalten keine Wirkung, solange du die Einzige bist, die davon weiß.

Sichtbarkeit beginnt nicht mit einem großen Auftritt. Sie beginnt damit, dass du aufhörst zu warten, bis jemand anderes dich sieht. Und anfängst, dich selbst zu zeigen.

Denn wer seinen inneren Kompass versteht, findet nicht irgendeinen Weg. Sondern seinen.

Herzliche Grüße

Christina Georgsson

UTURN Die Zukunft gehört Menschen mit innerem Kompass.

Weitere Blogs: